Dem Stillstand zum Trotz: Von der Konzertangst zum Konzertdrang

Blogbeitrag des U21-Redaktionsteams
Text: Sofia Hoffmeister / U21-Team

Im vergangenen Jahr war ich noch bei jeder Zusammenkunft, bei jeder Umarmung und bei jedem Konzert gefangen in einem ambivalenten Gefühlsstrudel zwischen Unbeschwertheit und Unbehagen. Vor allen Dingen der damalige Sommer, mit dem einige Lockerungen einhergingen, für die ich mich noch nicht bereit gefühlt habe, hat mir im letzten Jahr ganz schön zu schaffen gemacht. Über die von der Corona-Pandemie ausgelöste kognitive Dissonanz in mir habe ich damals auch auf dem TINCON Blog geschrieben. Doch seitdem sind einige Monate ins Land gezogen und es hat sich auf meiner Gefühlsebene seit Spätsommer 2021 einiges getan. Wenn ich den Text von damals lese, kann ich zwar mein Vergangenheits-Ich nachvollziehen, das Hineinversetzen in diese Gefühlslage fällt mir allerdings zu meiner eigenen Verwunderung immer schwerer. Dieser Sinneswandel ist einer ganz einfachen Tatsache, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gegeben war, geschuldet: Ich bin geimpft, und das mehrfach. 

Es wäre zynisch, mir selbst gegenüber zu behaupten, dass ich nach der Angstattacke auf einem Konzert im letzten Jahr (hier nachzulesen), keine Bedenken gehabt hätte, dass mir die Dinge, die mir zuvor Freude bereiteten, in meinem Kopf nur noch mit der Angst vor Ansteckungen und Menschenansammlungen verknüpft wären. Dass dem scheinbar nicht so ist, macht die Erleichterung umso größer.

Foto: Sofia Hoffmeister

Mit der Impfung in den Moshpit

Nach meinem ersten richtigen Clubkonzert seit Pandemiebeginn im September letzten Jahres (unter 2G-Bedingungen!) merkte ich schnell: Ich fühl mich hier wohl. Sicher und wohl. Die Blockade in meinem Kopf wurde mit jedem weiteren Konzertbesuch unter 2G(+)-Regelungen langsam, aber sicher aufgehoben. Vorfreude kehrte zurück, ich konnte wieder just in diesem Moment-Sein, ohne an eine mögliche Benachrichtigung meiner Corona-Warn-App zu denken, die dieser Abend zur Folge haben könnte.

Ich habe von da an meinen ersten richtigen Festivalsommer erleben dürfen und parallel dazu mein Bestes gegeben, sämtliche Konzertkarten, die in verstaubten Schubladen zu verrotten schienen, nach etlichen Verschiebungsterminen endlich einzulösen. Ich wollte mir nichts mehr entgehen lassen. 

Vor gut einem Jahr schrieb ich noch: “Allein beim Gedanken daran, inmitten einer tobenden Menschenmasse zu stehen, wird mir richtig unwohl. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal an den Punkt kommen werde, an dem ich einen Moshpit abturnend finden würde”. My bad. 

Ich will Lebendigkeit in all ihren Facetten, am besten im Überdruss

Vielleicht muss man erst eine Abneigung gegen etwas entwickeln, um langsam aber sicher wieder Freude an gleicher Sache zu empfinden. Ich kann mittlerweile guten Gewissens von mir selbst behaupten, dass ich in jeden Moshpit reinhüpfen will, der sich vor mir auftut (und, wenn keiner da ist, dann sorge ich eben dafür). Ich will verschwitzt aus der Clubtür stolpern und auf der Fahrt nach Hause vor mich hin grinsen müssen, weil ich den Abend innerlich Revue passieren lasse. Ich will noch zu unzähligen Songs crowdsurfen, auf die Fresse fliegen und von einer fremden Hand hochgezogen werden. Ich will mein eigenes Gebrüll, das im ohrenbetäubenden Lärmpegel um mich herum erstickt, nicht mehr verstehen können. Ich will Lebendigkeit in all ihren Facetten, am besten im Überdruss. 

Foto: Sofia Hoffmeister

Keiner von uns weiß genau, wie sich die Lage für die Livebranche diesen Winter entwickeln wird. Und wie sehr ich auch hoffe, dass der Betrieb wie einst gewohnt weiterlaufen kann, haben uns die vergangenen zwei Jahre vor allen Dingen eins gezeigt: mit absoluter Sicherheit können wir’s nicht wissen. Daher mein Appell: Lasst uns diesen Winter mithilfe von 2G(+)-Veranstaltungen so sicher wie möglich für alle gestalten. 

Emanzipation auf der Überholspur

Ich habe mir die Zeit genommen, die ich gebraucht habe, und das Ergebnis ist bewegender, als ich es mir im Juli letzten Jahres, als ich die kognitive Dissonanz in mir nicht mehr aushielt und meine Gedanken dazu niederschrieb, je hätte erhoffen können. Das Ergebnis ist ein Emanzipationsprozess, der gerade erst seinen Anfang nimmt und hoffentlich den Rest meiner Adoleszenz vereinnahmen wird. Ich bleibe dabei: aller (Neu-) Anfang ist schwer und bitte jede:r in seinem:ihren Tempo. Ich für meinen Teil habe lange genug an der Raststätte gesessen und darauf gewartet, dass mich jemand abholen kommt. Die Zeit ist gekommen, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und auf die Überholspur zu zusteuern. Dem Stillstand zum Trotz. 

(Presse-)Kontakt

Melanie Gollin
Kommunikation / Presse / PR
melanie.gollin@tincon.org

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