Miteinander reden

Seit heute wissen wir, wie es sich anfühlt, wenn ein reichweitenstarker YouTuber – in diesem Fall LeFloid – seinen Zuschauerinnen und Zuschauern recht aufgebracht mitteilt, dass sich jemand gegen ihn gewandt habe, und damit jede Menge Entrüstung auslöst. In diesem Fall gegen uns.

Und jetzt komme ich mir tatsächlich ein bisschen blöde vor, wenn ich auf Videos mit einem Text reagiere (hustrezohustcdu), aber ich kann das nicht in einem Video, ist einfach nicht mein Medium. Aber: Immerhin kein PDF.

Doch der Reihe nach. Ich habe Überschriften gesetzt, wer mag, kann den Rückblick also überspringen.

Rückblick

Vom 8.-9.11.2019 fand die sechste Ausgabe von „Loot für die Welt“ (LFDW) statt, der Name lehnt sich natürlich an „Brot für die Welt“ an. LFWD ist eine von LeFloid und anderen YouTubern ins Leben gerufene jährliche Spendenaktion, bei der während eines inzwischen 24-stündigen Gaming-Livestreams Geld für wohltätige Organisationen eingesammelt wird. Pro Jahr werden dabei drei Organisationen bedacht, seit der Erstausgabe wurden über eine Million Euro Spenden eingesammelt.

LFTW ist eine großartige und unterstützenswerte Idee, und noch toller ist es, dass die Sache so wahnsinnig erfolgreich ist. Die enorme Reichweite bekannter YouTuber zu nutzen, um damit Geld für den guten Zweck einzusammeln: Richtig gut.

Viele Informationen zu den unterstützten Organisationen findet man auf der Website von LFDW leider nicht. Und wir fanden es etwas schade, dass LFDW nicht bei wenigstens einer der drei ausgewählten Organisationen in diesem Jahr tatsächlich auf die Welt schaut oder auf aktuelle politische Entwicklungen. Aber vielleicht gab es dafür ja Gründe, und so fragten wir bei Twitter nach.

„.@LootFuerDieWelt Alles cool, aber warum unterstützt ihr keine Projekte, die jenseits der nationalen Grenzen wirken; etwa bei der Flüchtlingshilfe oder Seenotrettung? Heißt schließlich „Loot für die *WELT*“ (Link)

Eine Twitter-Nutzerin fand das unglücklich formuliert und reagierte:
„Wie man so einen Tweet hätte besser formulieren können, ein konstruktiver Vorschlag: „Ey, cool was ihr da jährlich auf die Beine stellt. Aber hier sind ein paar andere, internationale Vereine/Organisationen, nur als kleiner Anreiz für’s nächste Jahr.“ Bashen ist keine Kritik“

Wir antworteten:
„War gar kein Bashing. Und konkrete Projekte zu nennen würde @LootFuerDieWelt zur Rechtferitigung zwingen, das wär ja dann echt mies, wollten wir erst recht nicht!“ (Link)

Als Reply kam:
„war am Ende des Tages aber auch keine konstruktive Kritik oder was für einen Mehrwert sollen die jetzt daraus ziehen? Alles was ich da raus höre ist „Ihr macht zwar was gut aber meinem Standart entsprechend nicht“ Was ist verkehrt an Vorschlägen/Anreizungen?“

Und wir erläuterten:
„Doch! War absolut konstruktiv gemeint. Mehrwert: wenn zB nach #Halle die Gamingszene pauschal u.a. als fremdenfeindlich beschimpft wird, hätte man mit der Unterstützung zB einer Flüchtlingshilfeorganisation Haltung zeigen können.“ (Link)

Das war’s. Leichte Kritik bzw. Rückfragen in wenigen Tweets, ein kurzer und freundlicher Austausch mit einer Person, die das nicht so toll fand oder anders sah als wir. Fair enough.

LFDW war an diesem Austausch nicht beteiligt, wahrscheinlich waren alle mit der Aktion beschäftigt. Egal. Weitermachen.

Nicht ganz. Denn einige Tage später reagierte LeFloid auf unsere Tweets. In einem Video mit dem Titel „Haben Frauen es schwerer auf YouTube? Und warum hasst uns die TinCon!? #Rundumschlag“, in dessen Beschreibung die Passsage auftaucht „Außerdem sprechen wir über die TinCon, die über Loot für die Welt herzieht“. Unsere drei Tweets wurden von LeFloid im Kanal FlipFloid, der 449.000 Abonnent*innen hat, zu „Hass“ und „über LFDW herziehen“.

Im Video selbst nimmt sich LeFloid dann ab Minute 20:00 Zeit für unsere Tweets.

LeFloid würde sich nämlich gerne mal „mit dem Typen, der den Twitter-Account der TINCON verwaltet“ auseinandersetzen. Und das tut er dann auch. „Ist es euer verfickter Ernst, jemanden ans Bein pissen wollen, der Gutes tun will, weil es nach deinem Gusto nicht so ist, wie du es gerne hättest?“ (…) „Was soll dieses Bashing?“

Nach dem Zitieren unserer Tweets geht es weiter: „Da kommt mir die Galle hoch.“ LeFloid erklärt dann, warum er sich als Organisator von LFDW persönlich angegriffen fühlt. „Hat derjenige [der den Tweet abgeschickt hat] wirklich gedacht, das ist ne gute Idee, ich fick jetzt Leute an, die helfen wollen, Geld für’n guten Zweck sammeln, und generiere dadurch Social-Media-Buzz, oder was?“ Auch der Gesprächspartner Olli vermutet im Video: „Ich glaube auch, die Motivation dahinter war: ein bisschen Reichweite abgreifen“.

Die wichtigen Trigger sind abgedeckt. Kritik oder Nachfragen sind “Bashing”, der einzige Grund dafür kann nur “Abgreifen von Reichweite” sein. Und überhaupt muss jemand, der solche Fragen stellt, LFDW “hassen”.

LeFloid wirft uns weiter vor, uninformiert zu sein, denn in den vergangenen Jahren habe man durchaus auch internationale Projekte unterstützt. Er erläutert, an welchen anderen Stellen er sich bereits engagiert und wie er und viele andere Gamer Haltung gezeigt und Aktionen gestartet haben. Die TINCON betreibe „Typisches Twitter-Bashing“ und empfiehlt uns, eine eigene Gamer-Spendenaktion zu starten. Diese würde er sogar unterstützen, wenn es eine persönliche Entschuldigung von der TINCON gäbe. Die tweetende TINCON-Person solle ihm persönlich erklären, „was sein scheiß Problem ist“.

Das Ganze dauert etwa 12 Minuten.

Das genügt aber noch nicht. In einem weiteren Video auf dem Hauptkanal, in seinen LeNews, geht LeFloid ebenfalls auf das Thema ein. Etwa ab Minute 7:00 ist es ihm auch dort ein Anliegen, vor seinen über drei Millionen Abonnent*innen die Tweets als massiven Angriff auf ihn selbst und LFDW zu empfinden.

Was danach passiert

Was danach folgt, ist so oft erlebt wie klar: Viele Zuschauer*innen (bei FlipFloid bisher rund 13.000, bei LeFloid etwa 62.000) fühlen sich dazu aufgerufen, der TINCON ebenfalls mal richtig ihre Meinung zu sagen. Und tun das auch lautstark. Auf Twitter. Auf Instagram. Als Kommentar unter unseren YouTube-Videos von Vorträgen, die mit dem Thema überhaupt nichts zu tun haben.

Ausführliche Zitate sind an dieser Stelle müßig und können bei Interesse selbst nachgeschaut werden, aber natürlich schaukelt sich das Ganze bis zu Beleidigungen und Freude über den „verdienten Shitstorm“ hoch, wir sollen “die Fresse halten”, sind “behindert”, in einigen Kommentaren gelten wir als plötzlich als “rechts”, auf Google setzen die 1-Stern-Bewertungen ein usw. – es ist ermüdend und anstrengend.

Warum muss das eigentlich immer wieder gleich ablaufen? Wir können nach dem Video verstehen, warum sich LeFloid angegriffen fühlte, auch wenn das überhaupt nicht unsere Absicht war – ebenso wenig wie der absurde Vorwurf des „Abgreifens von Reichweite“ übrigens. Und es war vielleicht nicht klügste Move, mitten in der Aktion Kritik zu üben, wenn die Beteiligten gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt und in einem Emotionsrausch sind. Twitter. Manchmal ist man da auch etwas zu schnell.

Aber. Ist das jetzt echt die Art, wie Debatten geführt werden oder einer Kritik widersprochen wird? Da wird in zwei Videos mal eben behauptet, wir würden LFDW „hassen“ und darüber „herziehen“, wohlwissend, dass das nicht stimmt und mit der sehr genauen Kenntnis darüber, was das bei einigen Fans auslöst?

Wenn man unsere Tweets einfach mal liest, ohne dabei zu unterstellen, dass wir jemandem etwas Böses wollten? Einige der an LFDW beteiligten YouTuber waren schon bei uns, kennen uns und wissen, dass wir in die gleichen Richtungen denken und arbeiten und in den vergangenen Jahren auf LFDW hingewiesen haben. Aber egal, erstmal ein Video raushauen, dann werden sie schon sehen, was sie davon haben, LFDW auch mal kritisch zu hinterfragen? Und wenn man das tut, dann „hasst“ man LFDW? Echt?

Nochmal: Wir können Ärger nachvollziehen, aber eine derart übertriebene Reaktion, deren Effekte absolut bekannt sind, nicht. Und auch, wenn viele Fans der Meinung sind, dass man Kritik an Aktionen, die Geld für gute Dinge sammeln, generell nicht äußern sollte: das sehen wir eben anders. LeFloids Vorschlag, das Ganze mal in Ruhe persönlich zu besprechen, finden wir gut. Fragen uns aber auch, warum er uns das nicht direkt vorschlägt, wenn er doch im Video sagt, dass er das alles nicht weiter öffentlich ausbreiten will – und genau das dann macht. Mit einem zweiten Video.

Soll die Lehre aus diesem Ding jetzt wirklich sein: „Hinterfragt bloß keine Aktion von YouTubern mit noch so kleiner Kritik, denn sonst schicken sie euch ihre Fans an den Hals“? Darf man Nachfragen an Aktionen, die man generell gut findet, einfach nicht stellen? Sind alle, die Fragen stellen oder Dinge etwas anders sehen, gleich Hater, die “Bashing” betreiben, und die es daher anzugreifen gilt?

Vielleicht sollten wir alle mal etwas vorsichtiger miteinander umgehen.

P.S.: Da viele LFDW-Fans, die uns jetzt attackieren, nach eigener Aussage keine Ahnung haben, was wir tun und gleichzeitig verlangen, dass wir „selbst mal was machen sollen“: Wir veranstalten als gemeinnütziger Verein seit 2016 (meist kostenlose) Jugendkonferenzen mit Vorträgen, Workshops, Makerspace usw. in mehreren deutschen Städten, dort wird auch immer wieder mal über YouTube oder Gaming diskutiert. Sowohl die SpaceFrogs als auch RobBubble waren u.a. schon dabei, LeFloid war mehrfach angefragt, das hat aber nie geklappt. Wir versuchen mit der TINCON Diskursräume zu schaffen, die außerhalb der digitalen Blasen echten Austausch möglich machen, denn wenn wir nur noch in Tweets, Videos oder Blogposts übereinander statt miteinander reden, kann einiges schiefgehen. Wie man sieht.

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