Heute ist heute, morgen ist morgen

Text: Emma Lübbert / U21-Team
Triggerwarnung: Depression & Medikamente

Emma aus unserem U21-Redaktionsteam hat diesen Text anhand des Erfahrungsberichts einer Freundin geschrieben. Sie beschreibt, wie es ihr in depressiven Phasen geht. Emmas Freundin befindet sich in psychologischer Behandlung. Solltet ihr euch in einer ähnlichen Lage befinden, sucht euch bitte auch professionelle Hilfe. Eine Liste mit Anlaufstellen findet ihr hier. Und Tipps zur Therapieplatzsuche gibt’s hier. Und denkt dran: You got this and you are not alone 💛

Credits: Megan te Boekhorst

Heute ist heute und Morgen ist morgen

Heute liege ich im Bett. Genauso wie gestern und vorgestern auch. Ich hab es schon länger kommen hören, wie ein leises Ringen in meinen Ohren, das von Tag zu Tag ein kleines Stückchen lauter wird. Sobald es anfängt sich anzuschleichen, so dreist und unterschwellig, dass nur ich allein es bemerke, stelle ich alles andere auf laut. Jeden Tag auf Achse, übertönt von Arbeit, Siegesrufen beim Bierkrieg oder dem Weltuntergangs-ähnlichen Rattern der vorbeifahrenden Linie 3. Laut funktioniert gut, um es zu ignorieren. Das ist nicht unsere erste Katz-Maus-Jagd, wir kennen einander seit einigen Jahren und ich weiß, dass Laut alleine irgendwann nicht mehr ausreicht. Da ist es also, das Ringen. Auf den letzten, leisen Metern holt es mich abends ein und ich habe keine andere Wahl, als mich geschlagen zu geben.

Wenn es mich erst einmal in den Fingern hat, gibt es kein Zurück mehr. Ich schwinge die weiße Fahne, aber mein Gegner kennt kein Erbarmen. Jetzt ist alles außerhalb der 1,80×2,00m meines Bettes unerträglich. Jenseits meines Fensters klingt das Tischtennisspiel wie ein Zweikampf, jeder Turn wie ein gegnerischer Bombeneinschlag. Die Benachrichtigungen auf meinem Display schreien mir ins Gesicht, das Klingeln des Paketboten gleicht einem schallenden Angriff auf meinen ohnehin schon übersteuerten Kopf und ich verstecke mich unter meiner Decke, bis mir der Sauerstoff ausgeht. Ab jetzt hilft nur noch Warten. Warten, bis das sich neben mir stapelnde Geschirr kein unbesiegbarer Feind und Tischtennis wieder einfach nur Tischtennis ist.

Ab und Zu fällt mein Blick vom Bett auf den kleinen, rechteckigen Blister in meinem Schmuckkästchen. Die hellblau gepressten Tabletten lächeln mich hilfsbereit an. Komm schon, du weißt ganz genau, dass es nicht so sein muss. Komm schon, es könnte so schön sein. Komm schon, wir wissen beide, wie das hier enden wird. Also gebe ich nach. Circa fünfzehn Minuten später fängt es an – das Gefühl, das mich bereits direkt nach dem allerersten Mal fest in seinen Klauen hielt und seitdem nicht mehr loslässt. Die Wahrheit ist, ich habe es vermisst. Plötzlich ist alles ganz leise. Ich bin innerlich und äußerlich in Watte gewickelt und für die nächsten acht bis zwölf Stunden ist alles okay.  Die Tabletten geben mir eine warme Umarmung. Der Boden unter meinen schwankenden Füßen weich wie Wolken, als ich vom Regal zurück ins Bett schwebe und die Schwerkraft mich tausendfach einholt. Da ist sie wieder, die Stille.

Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist. Die letzte Woche ist eine einzige, dickflüssige Masse und Wochentage ein abstraktes Konstrukt fernab von meiner Realität. Aber Heute ist heute, und heute ist alles gut. Morgen, wenn das Rennen von neuem beginnt, werde ich mich nicht mehr daran erinnern können, was in den nächsten paar Stunden passiert. Aber morgen ist erst morgen.

Dies ist ein Beitrag unserer U21er. Wenn ihr auch Teil des Teams werden wollt, findet ihr hier mehr Infos.

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