So schlecht geht es mir gar nicht – oder doch?

Text: Ein Beitrag aus dem U21-Team
Triggerwarnung: Psychische Erkrankung

Ich brauche eine Therapie – diesen Satz habe ich lange von mir weggeschoben.

Nicht gedacht, nicht geschrieben und vor allem nicht ausgesprochen. Ich dachte dieser Satz würde mich verletzbar machen und bedeuten, dass ich nicht stark genug sei. Immer wieder habe ich meine eigene Situation heruntergespielt und mir gesagt, dass ich sowieso keinen Therapieplatz kriegen würde und andere Menschen dringender Hilfe bräuchten als ich.

Dennoch begegnete mir das Thema täglich auf Social Media. In meiner Insta-Bubble wurde immer mehr über das Thema gepostet und auch ich schickte mir fast täglich irgendwelche Reels oder Memes mit meinen Freund:innen über Mental Health hin und her. Diese waren oft zutreffender, als wir uns eingestehen wollten, wurden aber –  typisch GenZ – nur mit einem ✌️ heruntergespielt.

Schriftzug: This is the sign you've been looking for
Credits: Austin Chan

Anfang des Jahres ging es mir dann mental so schlecht wie schon lange nicht mehr. Meine psychische Erkrankung kontrollierte meinen Alltag und während eines Telefonats mit meiner Familie brach mein „es geht mir eigentlich gut“-Gerüst zusammen und ich gestand mir und ihnen ein, dass es mir alles andere als „gut“ ging.

Der wichtigste Schritt fand zunächst in meinem Kopf statt. Mein Bild und meine Bewertung von Therapie musste sich ändern. Du bist nicht schwach, wenn du dir professionelle Hilfe suchst, sondern du bist stark und gehst diesen Schritt für dich selbst. Therapie ist kein Tabuthema und nichts, wofür du dich schämen musst!

Ich begann das Thema bei Lockdown-Spaziergängen mit engen Freund:innen anzusprechen und fast jede:r hatte schon Erfahrungen oder Berührungspunkte mit Therapien gemacht. Unterschiedliche Erfahrungsberichte und Empfehlungen prasselten auf mich ein. Aber ich wusste, dass das Finden eines geeigneten Therapieplatzes für mich etwa so sein wird, wie die Suche nach einer richtig gut passenden Jeans im Second-Hand-Shop meiner Wahl: Ich muss unterschiedliches ausprobieren, um zu merken ob und was passen könnte.

Wie finde ich einen Therapieplatz?

Doch wie komme ich nun an einen Platz, wenn man überall hört, wie überfüllt Wartelisten seien und durch Corona so viele Menschen wie noch nie mit ihrer mentalen Gesundheit zu kämpfen haben? Das wichtigste ist es, die eigene mentale Gesundheit ernst zu nehmen und zu priorisieren. Die psychische Gesundheit ist genauso wichtig wie die physische. Wenn ich für mehrere Wochen körperliche Beschwerden habe, suche ich einen Arzt auf und genauso normal sollte es sein professionelle Hilfe anzunehmen, wenn es einem mental nicht gut geht. Der erste Schritt bei der Suche nach einem Therapieplatz oder genereller Hilfe bei mentaler Gesundheit ist es, Sprechstunden bei möglichen Therapeut:innen oder Anlaufstellen zu vereinbaren. Ich habe zunächst viel gegoogelt und mir erstmal eine Liste mit Praxen gemacht, welche Kassenpatient:innen behandeln. Dann heißt es: Telefonieren, Ausdauer haben und dranbleiben, auch wenn die ganzen seltsamen Erreichbarkeitszeiten und Telefonansagen der Praxen erstmal abschrecken können.

Jugendliche halten sich an den Händen
Credits: Alice Plati

Tipp an dieser Stelle für alle, die es auch große Überwindung kostet bei fremden Praxen anzurufen: Fragt entweder Vertrauenspersonen, ob sie euch bei den Telefonaten unterstützen können, oder ruft einmal bei der bundesweiten Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung ( 📞 116 117) an. Dort organisiert dann geschultes Personal für dich einen Termin bei einer geeigneten Praxis innerhalb der nächsten zwei bis vier Wochen. Außerdem gibt es auch einige kleinere lokale Beratungsstellen, die schneller Ersttermine anbieten können. Zum Beispiel haben die meisten Hochschulen oder Universitäten psychosoziale Beratungsstellen.

Erstgespräche: Lernt euch kennen!

Bei bis zu sechs möglichen Terminen lernen sich beide Seiten zunächst etwas kennen. Therapeut:innen können während den Sprechstunden erste Hilfestellungen bieten, erste mögliche Diagnosen aussprechen oder auch andere Anlaufstellen empfehlen. Nicht jede:r Therapeut:in passt zu einem und es ist legitim mehrere Anlaufstellen auszuprobieren, bis die eigentliche Therapie begonnen wird. Bei mir waren es zum Beispiel drei Therapeutinnen, bei denen ich ein paar Erstgespräche hatte, bevor ich mich für meine jetzige Therapeutin entschieden habe. Sprechstundentermine sind ein Anfang und meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt vor der eigentlichen Therapie. Jede Situation ist individuell und deswegen nimm dir deine Zeit und sieh, was sich für dich richtig anfühlt.

Wenn es dir nicht gut geht, sprich mit jemandem darüber. Deine mentale Gesundheit ist wichtig und Hilfe anzunehmen ist nichts, wofür du dich schämen solltest! U got this and you are not alone 💛 Auf unserer Seite zur Themenwoche MENTAL HEALTH x SOCIAL MEDIA findest du Anlaufstellen, bei denen du dich jederzeit melden kannst, falls es dir gerade nicht gut geht. Mehr Tipps und persönliche Erfahrungen zur Therapieplatzsuche findest du außerdem in diesem Video von Yasmin.

Dies ist ein Beitrag unserer U21er. Wenn ihr auch Teil des Teams werden wollt, findet ihr hier mehr Infos.

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