Politischer Aktivismus in Zeiten des kollektiven Nichtstuns

Ein U21-Beitrag von Yannick Brugger

 

Deutschland steht still. Nichts geht mehr. Keine Konzerte, keine Restaurants. Die U6 zur Rushhour menschenleer. Emmanuel Macron spricht von „Krieg“, Merkel von der größten Herausforderung für solidarisches Handeln „seit dem Zweiten Weltkrieg“. Doch um diese Krise zu überwinden, brauchen wir keine Waffen, keinen Kraftakt des Kapitalismus. Das beste Gegenmittel ist kollektives Nichtstun. Das ist verwirrend, nicht intuitiv. Es ist nicht das, was ich erwarten würde bei einer so schwerwiegenden Katastrophe. Und es führt auch dazu, dass ich mich nutzlos fühle. Denn eigentlich wäre jetzt definitiv der richtige Moment, um politisch aktiv zu sein. Nicht nur wegen Corona, sondern auch und vor allem wegen der daraus resultierenden Folgen.


© Yannick Brugger

Ich höre ständig, dass unsere Gesellschaft nach diese Pandemie nicht mehr dieselbe sein wird. Aber was heißt das? Das weiß vermutlich niemand gerade so genau, und alle heutigen Antworten können nichts anderes sein als Spekulationen. Wenn wir uns aber ansehen, was überall auf der Welt gerade geschieht, können wir zumindest erahnen, wie unsere Gesellschaft in ein paar Monaten aussehen könnte. Politischen Akteure nutzen diese Krise, um Dinge durchzusetzen, die sie sonst nie so schnell umsetzen könnten. Auf eine gewisse Art zeigt die Krise ganz fundamental und unverblümt, wofür bestimmte Menschen, Parteien und Systeme stehen.

Victor Orban kommt seinem Ziel immer näher, die Demokratie in Ungarn komplett zu untergraben. Trump und Johnson spielten die Gefahren herunter. Aus Angst, die Wirtschaft ginge sonst kaputt. Nach einigen Tagen müssen sie eine komplette Kehrtwende in ihrer Strategie machen und scheinen von schnell steigenden Infektionsraten überrannt zu werden. Gleichzeitig predigt ein US-Senator aus Texas, wir müssten Todesopfer zum Wohle der Ökonomie hinnehmen. Auch China greift tief in die Trickkiste eines autoritären Staats, baut Unterdrückungsmechanismen aus und verkauft sich nach einigen Wochen und hartnäckiger Propaganda als Sieger über das Virus. Und lässt Journalist*innen verschwinden, wenn sie dieses Narrativ hinterfragen. Gleichzeitig sind die Staaten Europas mit sich selbst beschäftigt und vergessen mal kurz 20.000 Menschen, die an der Grenze in Lagern auf ein Asylverfahren hoffen. All das wären Gründe zum Handeln. Zum Organisieren von Protesten. Aber so wie jedes Thema nur kurz durch die Flut an Corona-Berichterstattung erkennbar ist, so schwindet auch die Schlagkraft des Aktivismus. Häufig geht es eben darum, Themen in die Öffentlichkeit zu rücken. Aber diese Öffentlichkeit ist gerade praktisch unerreichbar.

Das Vertrauen in die politischen Institutionen wird derzeit gestärkt. Die Arbeit innerhalb der Krise wird mit großer Mehrheit positiv bewertet. Unsere Freiheiten werden so stark eingeschränkt wie schon lange nicht mehr, und die meisten Menschen finden das angesichts der Lage okay. Auch die AfD hat derzeit fast nichts mehr zu senden, geht auch in den Nachrichten unter. Wenn sich das hält, kann das natürlich gut sein für unsere Demokratie. Wir zeigen, dass auch ein Land mit starken Parlamenten mit der Situation umgehen kann. Dass wir keine Alleinherrscher brauchen, um schwierige Situationen zu überstehen. Die Lage ist ein Stresstest für das Ansehen des Föderalismus, aber irgendwie kriegen die Bundesländer doch die Kurve und arbeiten zusammen.


© Yannick Brugger

Auf der anderen Seite bringt die Krise alte Forderungen zurück, die wir gerne längst begraben hätten. Die Autolobby fordert eine weitere Abwrackprämie, auch wenn selbst konservative Wirtschaftswissenschaftler*innen das für eine kontraproduktive Idee halten, “AbEr Es IsT jA fÜr DiE wIrTsChAfT”. Dass es womöglich keine sinnvolle Idee ist, jetzt alles auf den Stand von 2009 zurücksetzen, scheint noch nicht bei allen angekommen zu sein.

Diese Lage führt bei mir wie bei vielen anderen zu einem Dilemma. Ich sehe, dass gerade jetzt politische Arbeit notwendig ist. Deswegen will ich mich stärker politisch Engagieren. Allerdings ist diese politische Arbeit nur sehr eingeschränkt und größtenteils an Schreibtischen möglich. Und wer versucht, die politische Arbeit von der Straße an den Schreibtisch zu bringen, wird häufig schnell enttäuscht, wenn nicht überlastet sein. Ich denke, wir müssen gerade ganz besonders auf unsere mentale Gesundheit achten. Viele Stunden am gleichen Ort sitzen, fühlt sich erstmal einfach nicht so anstrengend an, wie unterwegs sein. Aber genau hier steckt die Gefahr der Überarbeitung. Und die bringt wirklich niemandem etwas.

Aber vielleicht können wir sogar schon vorsichtig-optimistisch in die Zukunft schauen. Gerade entstehen wirklich kreative Formen des Protests (siehe FFF, Seebrücke und andere). Und kürzlich wurde das Demonstrationsverbot zumindest leicht entschärft. Aktivismus wird vermutlich noch eine ganze Weile nicht mehr aussehen wie 2019. Das heißt aber nicht, dass Aktivismus 2020 nicht stattfinden wird. Und bis dahin sollten wir uns angesichts der Situation vielleicht weniger von übermotivierten und hochproduktiven Instastories leiten lassen. Oder auch mal teilen, wenn wir zwei Tage lang nur Serien geschaut und geschlafen haben.

Dies ist ein Beitrag unserer U21er. Wenn ihr auch Teil des Teams werden wollt, findet ihr hier mehr Infos.

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