“Hip-Hop verzeiht sehr viel” – U21-Interview mit Annika Schwarze

Annika Schwarze ist 16 Jahre alt und hat sich neben der Schule ihren eigenes Onlinemagazin MAKE RAP, NOT WAR  aufgebaut. Dort hat sie bereits Rapper wie Juse Ju, Juicy Gay oder Mauli interviewt. Nachdem sie bereits auf der TINCON Düsseldorf Speakerin war, wird sie auch in Berlin über deutschen Rap der Generation Instagram sprechen.

Toni und Jean aus unserer U21-Redaktion hatten die Möglichkeit, vorab ein Interview mit ihr zu führen.

Jean: Wie bist du auf die Idee gekommen, in Richtung Musikjournalismus zu gehen? Und wieso hast du dazu das Medium Blog benutzt?

Annika: Ich mache das auf Hip-Hop bezogen, bin damit aufgewachsen. Durch die großen, etablierten Medien, die so im Internet stattfinden, weil der Print-Journalismus heutzutage ja sowieso nicht mehr so viel Bedeutung hat, habe ich das einfach schon sehr früh verfolgt und hatte zu meinem Glück Personen wie zum Beispiel Visa Vie, die schon erfolgreich waren. Und ich hatte so auch weibliche Personen, zu denen ich aufschauen konnte. Ich glaube, ich war 13, als ich überlegt habe: “Ja okay, Journalismus, speziell Musikjournalismus, das könnte mich voll interessieren.” Dann hat es noch ein Jahr gedauert, bis ich selber angefangen habe. Und mir ist dann aufgefallen, dass die etablierten Medien alle in Berlin sitzen, was von Dortmund ziemlich weit weg ist. Und ein Praktikum oder so ist eben erst ab 18 möglich. Bis zu meinem Abi wollte ich nicht warten, also bin ich auf die Idee gekommen, einen Blog zu eröffnen, weil ich auch immer auch gerne geschrieben habe. Ich dachte, das könnte ich mal ausprobieren. Ich habe niemals erwartet, dass das so ausarten würde. Ich dachte einfach, ich schreib dann so ein bisschen für mich und meine Freunde, und dann hat sich das alles so entwickelt.

 

Jean: Weil ich mich auch für Musikjournalismus interessiere, habe ich auch mal versucht einen Blog zu machen. Dabei habe ich festgestellt: Es gibt immer zwei Punkte, die Schwierigkeiten bereiten: die Presse-Akkreditierung und Musiker zum Interview zu bekommen. Wie sieht das bei dir aus? Ist das bei dir eine große Schwierigkeit? Gehen die Leute damit offen um? Freuen die sich? Ist da viel Nachfrage und viel Scheitern dabei?

Annika: Ich dachte mir am Anfang, dass ich mit ganz kleinen Künstlern anfangen muss, von denen noch nie jemand was gehört hat. Aber dann hab ich es irgendwann einfach mal ausprobiert, hab ein paar Anfragen verschickt und dann hat es irgendwann mit Mauli geklappt, das war ja der Erste. Ich hab mich sehr gefreut. Ich hatte nichts vorzuweisen, hatte noch nie ein Interview gemacht. Ich war auch immer sehr aufgeregt, aber alle Leute waren immer nett und zuvorkommend. Und ich glaube, die haben sich schon auch darüber gefreut. Ich habe auch mal mit Juse
Ju gesprochen, der kommt ja auch aus dem Radio und meinte, das sei voll gut, wenn man sich so ausprobiert und schaut, ob das was für einen ist. Klar, kriegt man auch mal Absagen oder keine Antwort, das ist voll normal. Ich hab mir die Jugendpresse rangezogen und habe mir einen Jugend-Presseausweis ausstellen lassen. Das war dann schon mal eine Referenz, die du hattest: „Hey, ich werde von der Jugendpresse unterstützt, ich habe einen Presseausweis und bin nicht jemand, der nur mal versuchen möchte, mit dem Künstler ein Gespräch zu führen, weil er selber Fan ist.“ Ich denke, das hat mir sehr geholfen.

 

Toni: Wie macht man deutlich, dass man eben kein Fan ist? Wie hast du dich von anderen abgehoben?

Annika: Ich hab mich erst informiert, was meistens übers Management geht, habe dann Kontakte rausgesucht, um eine Email zu schreiben, die aussagekräftig ist und deutlich macht, dass man es ernst meint. Und dann habe ich auch gelernt, dass man in der Branche nicht auf die Höflichkeitsformeln bedacht ist. Seitdem ist das für mich nicht mehr das große Problem. Wenn ich ein Thema habe, über das ich mit einem Künstler sprechen möchte, schreibe ich mittlerweile einfach eine Email. Das hat sich inzwischen so eingespielt, dass es gar kein Problem ist.

 

Jean: Was sind denn Tipps, die du anderen Leuten, die Musikjournalismus betreiben möchten, geben willst?

Annika: Ich kann ja nur von mir sprechen. Ich kenne leider in meinem Alter keinen anderen, der sowas macht, gerade im Hip-Hop. Mir hat es sehr geholfen, ein eigenes Medium zu haben, einen eigenen Blog oder Ähnliches. Dass man eine Idee hat und es einfach ausprobiert. Mehr als absagen kann sowieso niemand. Ich hätte ja selber nicht erwartet, dass es bei mir irgendwann mal klappen wird. Ich war erstaunt, dass es, ohne irgendwas Konkretes vorzuweisen, geklappt hat. Von daher würde ich sagen: Einfach ausprobieren, einfach machen. Vielleicht, wenn man andere Leute kennt, die Ähnliches machen, miteinander sprechen, Rat einholen, üben und ausprobieren. Bei mir mussten meine Freunde herhalten, als ich mit den Anfragen angefangen habe, noch mal zu schauen, ob ich das so schreiben kann und so weiter.

 

Toni: HipHop hast du jetzt mehrmals unterstrichen. Was ist als Hip-Hop Journalistin anders, als wenn du über Schlager berichten würdest?

Annika: Bei mir ist es einfach so, dass ich mich auf Hip-Hop fokussiere, weil ich mich dafür selbst am meisten interessiere. Es ist das, womit ich mich am meisten auseinandersetze und wo ich auch am meisten Ahnung habe und mir zutrauen würde, mit Leuten aus diesem Genre zu reden. Hip-Hop als das, für das es steht, für die Werte, die es hat, verzeiht sehr viel und Leute, egal wie groß sie sind, wissen, wo sie herkommen. Ich glaube, deswegen ist es leichter, da reinzukommen, und selber sein Ding zu machen, weil es in diesem Genre viele so gemacht haben. Ich weiß nicht, ich habe noch nie nachgefragt, ob das der Grund ist, warum man eine Anfrage annimmt.

 

Toni: Ich persönlich stelle mir HipHop immer so ein wenig härter, ablehnender vor. Solche Erfahrungen hast du noch nicht gemacht?

Annika: Ich hatte bisher noch nie Gangster-Rapper vorm Mikrofon. Ich habe mich immer in gediegenen Breiten befunden. Und ich glaube, man muss gucken, wen man anspricht. Es gibt auch Leute, die gar keine Interviews führen oder nur mit einem bestimmten Journalisten. Ich glaube, wenn man so ein bisschen weiß, was man sich zutrauen könnte, oder wo man vielleicht eine Chance hätte, dann glaube ich, funktioniert das auch und ich denke, dass es mit der Zeit auch besser wird. Wie ich gesagt habe, ich dachte, ich muss ganz unten anfangen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit Leuten anfangen kann, die ich selber cool finde und die ich vorher kannte. Das ist ziemlich schön.

 

Jean: Was war ein Erlebnis, das dich mit deinem Blog sehr überrascht hat?

Annika: Die drei Interviews, die ich geführt habe. Damit hätte ich einfach nicht gerechnet. Ich bin nicht mit der Intention reingegangen, okay ich mache einen Blog, damit ich irgendwann Interviews führen kann. Gerade das Interview mit Juse Ju, war etwas sehr, sehr Schönes, wofür ich sehr dankbar bin, weil wir uns wirklich sehr, sehr lange unterhalten haben, womit ich nicht gerechnet hätte. Da hatte ich das Gefühl, das ich von der Nervosität absehen konnte. Wenn man da auch so alleine reingeht, keinen an der Hand hat, der einem sagt, okay, du hast dich so und so zu verhalten, dann ist man sich einfach unsicherer, weil ich nun nicht innerhalb eines Praktikums oder so ein Interview geführt habe,und mich mit keinem austauschen konnte, wie man E-Mails schreibt. Von daher waren das auf jeden Fall Dinge, die mich überrascht haben, nach so kurzer Zeit aber auch, dass ich für Festivals Akkreditierungen bekommen habe. Dass ich ohne ein Ticket hingehen kann und darüber schreiben kann, fand ich super, als ein Mensch, der seit seinem 13. Lebensjahr dran ist und der jetzt zu sowas eingeladen wird. Das war schon etwas, das ich nicht erwartet hatte, und wofür ich sehr dankbar bin. Schon dafür hat es sich gelohnt. Darauf kann ich stolz sein, weil ich das schon geschafft habe.

 

Jean: Hast du noch Dinge, die du unbedingt noch machen möchtest mit dem Blog oder mit dem Musikjournalismus?

Annika: Also erstmal darauf fokussieren, dass es mit Interviews weiter klappt, dass ich irgendwie noch mehr Festivals oder Konzerte oder was auch immer finde, wo man Kooperationen so eingehen kann, wo man sagen kann, okay, wir machen da irgendwas zusammen. Das würde mich freuen. Und dann sehe ich das alles so als Vorbereitung, als ganz große allgemeine Referenz, für die Zeit, wenn ich dann wirklich mit der Schule durch bin und sagen kann, ich habe jetzt die Möglichkeit mich irgendwo zu bewerben oder irgendwo reinzukommen. Das wäre super und es würde mich freuen, wenn man sich dann für mich entscheidet und nicht für jemanden anders, der so eine Referenz und die Erfahrungen nicht hat. Das ist ja der Grund, weshalb ich angefangen habe. Dass man sich ausprobieren kann und damit ein bisschen weiter ist, und dann wirklich in so einem Beruf auch arbeiten kann.

 

Toni: Wo liegen die Risiken, wenn man sich auf Weg dahin begibt? Wo kann man landen und wo wäre es nicht so günstig, zu landen?

Annika: Wenn man sich damit auseinandersetzt, was man für Möglichkeiten damit hat, damit anzufangen, und nicht unbedingt bei den sehr kleinen Läden anfangen möchte, und die Absicht hat, irgendwann bei den Etablierten zu landen. Da würde ich sagen, dass die Hürden schon sehr hoch sind. Es gibt dann Praktika, die sind unvergütet. Dann muss man meistens umziehen in eine andere Stadt, man muss sich Gedanken machen, wie man
das finanziert. Und ich glaube, es hat in dieser Branche viel damit zu tun, dass man Leute kennt und so weiter. Wenn man jemanden kennt, der da schon arbeitet und sagen kann, hier die kenne ich, die hat das und das gemacht. Das ist in der Medienbranche schon sehr wichtig. Ich würde auch sagen, dass es im Hip-Hop bisher noch relativ wenig Medienauswahl gibt. Klar, Radiosender gibt es viele, aber man muss einen Standort finden, an dem man sich selber mit seinen Interessen einbringen kann, das ist das Ding. Ich würde gerne erst mal in die Richtung gehen wo sich auf jeden Fall sehr intensiv mit Hip-Hop befasst wird und nicht mit Musik allgemein. Das wäre sehr schön.

 

Toni: Was gibst du Jugendlichen mit auf den Weg?

Annika: Ausprobieren. Trauen und sich immer ausprobieren in dem, was man anstrebt, egal, ob etwas auch mal nicht klappt!

 

Vielen Dank für das Interview, wir freuen uns schon, dich auf der TINCON zu sehen!

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