So lieferten die TINCON-Speaker auf der re:publica ab

von Florian

4.5.2018

Die re:publica ist ohne Frage die digitale Konferenz Europas. Wer sich auf dem Gelände der Station Berlin umschaut, vermisst jedoch eine Sache: Junge Menschen. Die Speaker der TINCON änderten das am Donnerstag.

“Mama, du hast echt keine Ahnung!”, Tanja Haeusler steht gemeinsam mit Johnny Haeusler auf Stage 2 der re:publica und zitiert ihren Sohn. Er meint: “Mama, du hast echt keine Ahnung vom Internet!” Eigentlich eine Sache, die man den beiden re:publica- Gründern nicht vorwerfen kann. Und doch, da ist was dran. Die junge und die erwachsenere Generation konsumiert, produziert und reflektiert völlig unterschiedliche Inhalte im Netz. Oder mit den Worten von Johnny Haeusler: “Wir begegnen uns nicht mehr.” Bei der re:publica jedoch begegnen sich die Generationen wieder.

Tanja und Johnny Haeusler, Foto: Jan Michalko/re:publica
Tanja und Johnny Haeusler, Foto: Jan Michalko/re:publica

Der Andrang war enorm, der Saal voll besetzt, manche standen, teilweise gab es Schlangen vor den Türen und der Saal musste wegen Überfüllung geschlossen werden. Zu hören gab es vier höchst unterschiedliche Talks von TINCON-Speakern, allesamt Mitglieder der Generation Z.

Nate: “Queeraktivismus will die Gleichstellung aller Geschlechter“

Der Talk von Nathaniel beginnt mit einem seiner eigenen Youtube-Clips: Er sieht aus wie ein Mädchen. Nach und nach setzt Nate erst eine Perücke ab, nimmt dann seine Ohrringe aus dem Ohr, schminkt sich ab, zieht einen Kapuzenpulli an und ist am Ende des rückwärts ablaufenden Videos ein Junge. 

Nate sagt von sich: “Ich bin Queerfeminist und Queeraktivist.” In seinem Vortrag erklärt er Begriffe des Queeraktivismus, die für manche Menschen möglicherweise verwirrend sind: Was bedeutet queer? Was ist ein Cis-Gender? Was ist Heteronormativität?

Speaker: Just Nate, Foto: Gregor Fischer/re:publica

Nathaniel ist transgender und dokumentiert unter JustNate seit zwei Jahren seine Transformation in aller Offenheit auf YouTube. Auf der Bühne erzählt er über seinen Weg: “Ich habe fast eineinhalb Jahre gewartet, bis ich einen Therapeuten gefunden habe, der mir helfen wollte.”

Nora: “Das Internet kann ein unschöner Platz sein. Ich brauchte lange, um zu begreifen: Wenn ich den Laptop zumache – dann ist das weg.”

Viele re:publica Teilnehmer*innen können sich noch daran erinnern, wie die Welt vor Youtube und Instagram aussah. Nora nicht. Nora ist 21 und wuchs, wie viele andere ihrer Generation, mit Vorbildern aus dem Netz auf. Sie sagt auf der Bühne:  “Ich bin jede Erfahrung, die ich mache. Und was mich besonders geprägt hat: Social Media” Für Nora ist es total normal, dass Sie ihre Anerkennung in Form von “Likes” erhält: “Likes, Follows und Kommentare haben mir total gut getan, deswegen habe ich am Anfang auch mitgemacht.” sagt sie. Und: “Da war viel oberflächliches. Aber Social Media ist vieles. Viel Gutes, und viel Schlechtes. Nora spricht über ihre Entwicklung und wie sie irgendwann merkte, welchen Einfluss die Menschen haben, denen Sie folgt: “Die begleiten dich. Jeden Tag. Man ist, was man isst, liest, liket, konsumiert. Mir wird immer klarer, dass ich in der Hand habe, was ich schaue. Wen ich like, wie lange ich online bin.”

Nora Wunderwald, Foto: Jan Michalko/re:publica
Nora Wunderwald, Foto: Jan Michalko/re:publica

Irgendwann wollte Nora eine Lücke schließen: Sie fing an, Videos über Themen zu machen, die ihr am Herzen lagen. Videos über Magersucht und Depression. Und schließlich gründete Sie mit zwei Freundinnen das Online Magazin TierInDir, das ihre Themen abbildet. Die drei sagen: “Uns ist es wichtig, Erfahrungen auszutauschen, statt Meinungen zu machen.“ Ihr Traum: Das Magazin auch gedruckt herauszubringen. Warum ihnen das so wichtig ist, in Zeiten, in denen Print stirbt? Weil für sie Dinge, die man anfassen kann, die man vielleicht auch ins Regal stellt, einen höheren Wert haben.

Charles: “Es geht um Selbstbestimmung”

Charles ist der jüngste Gründer Deutschlands: Mit 15 öffnete er eine Influencer-Marketing-Agentur. Inzwischen ist er 16 und sein Vortrag darüber, wie Marketing im Zeitalter der Social Natives funktioniert, stößt auf größtes Interesse. Im Saal steht die Luft, aber nach draußen möchte keiner. Charles liefert routiniert ab und erklärt den Erwachsenen mit Leichtigkeit, was manche von ihnen vielleicht schockiert.

Charles Bahr, Foto: Jan Michalko/re:publica
Charles Bahr, Foto: Jan Michalko/re:publica

Werbung muss erkennbar sein? “Jugendliche interessiert die Diskussion um Werbekennzeichnungen nicht.” Bam.

Content braucht immer Mehrwert? “Der Content muss für Erwachsene nicht immer spannend sein, ist vielleicht auch belanglos. Aber darum gehts gar nicht. Es geht um Selbstbestimmung.” Bam.

Es geht um Integrität? “Auch ein Creator, der total in der Kritik steht, kann in zwei Monaten wieder total cool sein.” Bam.

Am Ende beantwortet Charles noch ein paar Fragen, auch kritische. Seine Präsentation stellt er übrigens, ganz der Profi, allen Interessierten online zur Verfügung.

Jonathan: “Ich will in einer Welt leben, in der niemand mehr eine Ausrede hat, das Gute zu tun!”

Jonathan ist 21. Ihn interessiert die Blockchain. Und nein, dabei geht es ihm nicht um Bitcoin: “Ich finde es nicht spannend, wie die Blockchain den Finanzsektor disrupten kann, sondern, ich finde, die Vorteile der Blockchain sind toll für die Entwicklungszusammenarbeit”

Jonathan Funke  Foto: Jan Michalko/re:publica

Sein Herzensprojekt: „tip-me – Das globale Trinkgeld”. Dank Blockchain-Technologie kommt Geld direkt und transparent beim Hersteller an. Damit macht Jonathan aus einer jahrhundertealten Tradition ein Werkzeug zur globalen Umverteilung, das unglaublich effektiv ist. Beim Kauf eines Produkts kann man so durch nur 10% Trinkgeld die Löhne der Produzenten um 250% steigern. Das globale Trinkgeld landet direkt auf den Mobiltelefonen der Arbeiter und Farmer.

“Es klingt so ein bisschen nach Klischee, aber ein Trinkgeld, eine bessere Lohnsituation, das würde einfach nur dazu führen, dass die Arbeiter ihren Kindern eine bessere Zukunft sichern können. Das finde ich sehr bewegend”, sagt Jonathan und man glaubt ihm sofort, dass sein Ziel eine faire Globalisierung ist.

 

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